
Dieser Beitrag ist der zweite Teil unserer siebenteiligen Serie zu den häufigsten Frustfaktoren bei Hörgeräten. Nachdem wir uns im ersten Artikel mit dem Klangempfinden beschäftigt haben, geht es nun um eine andere, aber ebenso entscheidende Ebene: den Sitz im Ohr.
„Es drückt.“
„Es juckt ständig.“
„Meine eigene Stimme klingt komisch.“
„Irgendwie fühlt sich das nicht richtig an.“
Solche Rückmeldungen betreffen nicht die Signalverarbeitung im Gerät, sondern die mechanische Verbindung zwischen Hörgerät und Ohr.
Juckreiz, Druckgefühl, ein „Frosch im Hals“, verstärkte Eigenstimme oder sogar Entzündungen zeigen, wie sensibel das Ohr auf kleinste Veränderungen reagiert. Details wie Belüftungsbohrung, Material oder Sitz der Otoplastik haben enorme Auswirkungen.
Gerade hier wird deutlich, wie fein abgestimmt das Zusammenspiel aus Anatomie, Akustik und Material sein muss.
Inhaltsverzeichnis
Das Ohr ist kein standardisierter Hohlraum. Gehörgänge unterscheiden sich in Form, Enge, Krümmung und Hautbeschaffenheit.
Eine Otoplastik oder ein Schirmchen muss gleichzeitig stabil sitzen, akustisch korrekt abdichten, ausreichend belüften und hautverträglich sein.
Ist einer dieser Faktoren nicht optimal, entstehen typische Beschwerden.
Zu viel Druck verursacht Schmerzen.
Zu starke Abdichtung verändert die Eigenwahrnehmung.
Zu geringe Belüftung kann ein Gefühl von Verstopfung oder Räusperzwang auslösen.
Viele Betroffene sind besonders irritiert, wenn die eigene Stimme plötzlich anders klingt. Sie wirkt lauter, fremd oder ungewohnt präsent.
Es gibt hierfür zwei verschiedene Ursachen und sie fühlen sich unterschiedlich an.
Mit dem Hörgerät werden zuvor fehlende Frequenzen wieder verstärkt hörbar. Dadurch verändert sich auch das Klangbild der eigenen Stimme. Plötzlich sind mehr Details wahrnehmbar: Zischlaute, Atemgeräusche, feine Nuancen.
Manche beschreiben es so, als würden sie sich selbst vom Tonband hören. Andere berichten von einem kleinen, irritierenden Echo.
Wir hören unsere Stimme auf zwei Wegen, über die Luft und über den Körperschall im Schädel. Durch das Hörgerät wird der Luftanteil zusätzlich verstärkt. Kurzzeitig entsteht dadurch ein doppelter Eindruck. Die vertraute Innenwahrnehmung trifft auf eine neu verstärkte Außenwahrnehmung. Das kann sich wie ein leichtes Echo oder eine minimale Verzögerung anfühlen.
Diese Irritation ist häufig Teil der Eingewöhnung. Das Gehirn lernt mit der Zeit, beide Signalanteile wieder stimmig zusammenzuführen.
Okklusion ist ein mechanisches Phänomen. Sie entsteht, wenn der Gehörgang stärker verschlossen ist und tieffrequente Schwingungen beim Sprechen nicht mehr entweichen können.
Ein anschaulicher Vergleich ist das Sprechen bei einer starken Erkältung oder wenn man sich die Ohren zuhält. Die eigene Stimme klingt dann dumpf, dröhnend und stark im Kopf. Man spricht und spürt die Vibration.
Genau dieses Gefühl kann entstehen, wenn eine Otoplastik sehr dicht abschließt und wenig Belüftung vorhanden ist.
…. weil die Lösungswege unterschiedlich sind. Bei der Gewöhnungsstimme hilft häufig Zeit und gegebenenfalls eine Anpassung der Verstärkung. Bei Okklusion steht die mechanische Optimierung von Belüftung und Abdichtung im Vordergrund.
Ein häufig unterschätzter Faktor ist die Belüftungsbohrung, das sogenannte Vent.
Diese kleine Öffnung sorgt dafür, dass Luft im Gehörgang zirkulieren kann und tieffrequente Anteile entweichen. Wird sie durch Cerumen oder Ablagerungen teilweise oder vollständig verstopft, verändert sich die akustische Situation.
Das Ergebnis kann sich genauso anfühlen wie eine echte Okklusion, selbst wenn die Otoplastik ursprünglich korrekt angepasst war.
Die Folge sind mehr Druckgefühl, verstärkte Eigenstimme und ein verändertes Klangempfinden.
Regelmäßige Reinigung ist deshalb nicht nur Hygiene, sondern Teil der akustischen Funktion.

Hier finden Sie alles Wichtige zur Reinigung von Hörgeräten: Warum, wann und wie?
Individuell gefertigte Otoplastiken und Im-Ohr-Hörgeräte gelten als Maßanfertigungen. Sie werden auf Basis eines Ohrabdrucks hergestellt und sollen optimal sitzen.
Wichtig ist jedoch: Der Abdruck bildet das Ohr in einem statischen Moment ab. Im Alltag ist der Gehörgang jedoch dynamisch.
Beim Sprechen, Kauen oder Lachen verändert sich die Form minimal. Auch Körperhaltung, Temperatur oder Gewichtsschwankungen können Einfluss nehmen. Dadurch kann eine anfangs perfekt sitzende Otoplastik im Alltag Druck entwickeln oder sich minimal lösen.
Hinzu kommt: Das Ohrgewebe verändert sich über die Zeit. Haut wird weicher oder trockener, Gewebe kann sich leicht zurückbilden oder anschwellen. Besonders bei langfristiger Nutzung sind deshalb gelegentliche Nacharbeiten oder sogar eine Neuanfertigung sinnvoll und normal.
Eine Maßanfertigung bedeutet also nicht, dass sie für immer unverändert perfekt passt. Sie bedeutet, dass sie individuell anpassbar ist – und bei Bedarf korrigiert werden kann.
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen standardisierten Schirmchen und individuell angefertigten Otoplastiken.
Schirmchen sind vorgefertigte Silikonaufsätze in verschiedenen Größen und Formen. Sie sitzen meist etwas offener im Gehörgang und lassen mehr Luftzirkulation zu. Dadurch ist das Risiko für Okklusion häufig geringer. Gleichzeitig können sie bei bestimmten Hörverlust akustisch an Grenzen stoßen oder weniger stabil sitzen.
Otoplastiken werden individuell nach Ohrabdruck gefertigt. Sie schließen den Gehörgang meist dichter ab und ermöglichen dadurch eine präzisere akustische Steuerung. Durch die stärkere Abdichtung kann jedoch das Okklusionsgefühl ausgeprägter sein, vor allem wenn die Belüftung nicht optimal dimensioniert ist.
Entscheidend ist, welche Lösung zur Anatomie, zum Hörverlust und zum persönlichen Empfinden passt.

Wir haben uns in diesem Artikel ausführlich mit den Varianten und Materialien befasst.
Die Haut im Gehörgang ist empfindlich und reagiert stark auf Reibung, Feuchtigkeit und Druck.
Ein Hörgerät verändert das Mikroklima im Ohr. Wärme und reduzierte Luftzirkulation können bei empfindlichen Personen Juckreiz oder Reizungen begünstigen.
Auch Materialverträglichkeit spielt eine Rolle. Manche Menschen reagieren sensibler auf bestimmte Kunststoffe oder dauerhaft feuchte Umgebungen.
Beschwerden sind deshalb kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass mechanisch oder hygienisch nachjustiert werden sollte.
Nicht jede Rötung oder jeder Juckreiz entsteht durch Druck oder mangelnde Belüftung. In seltenen Fällen kann auch eine Unverträglichkeit gegenüber bestimmten Materialien eine Rolle spielen.
Otoplastiken und Schirmchen bestehen meist aus medizinisch geprüften Kunststoffen oder Silikonen. Dennoch reagieren manche Menschen empfindlich – insbesondere bei vorgeschädigter oder sehr trockener Haut.
Typische Hinweise auf eine mögliche Materialreaktion sind
Wichtig ist hier die Abgrenzung: Eine reine Druckstelle zeigt sich meist punktuell. Eine allergische oder irritative Reaktion betrifft eher eine größere Hautfläche und tritt unabhängig von der mechanischen Belastung auf.
In solchen Fällen kann ein Materialwechsel sinnvoll sein. Auch eine vorübergehende Tragepause in Kombination mit ärztlicher Abklärung kann notwendig werden.
Entscheidend ist: Beschwerden sollten nicht als „normale Eingewöhnung“ abgetan werden, wenn sie deutlich über ein leichtes Druckgefühl hinausgehen.
Manche Träger stellen fest, dass sich seit Beginn der Hörgeräteversorgung mehr Cerumen bildet oder dass der Gehörgang schneller verstopft wirkt.
Das ist kein ungewöhnliches Phänomen.
Ein Hörgerät wirkt im Gehörgang wie ein leichter mechanischer Reiz. Es stimuliert die Haut und kann die natürliche Produktion von Ohrenschmalz anregen. Gleichzeitig wird der Abtransport des Cerumens durch die teilweise Verschließung des Gehörgangs erschwert.
Die Folge kann sein:
Wichtig ist hier eine gute Balance. Zu häufiges oder unsachgemäßes Reinigen kann die Haut zusätzlich reizen. Zu seltene Reinigung kann hingegen akustische Probleme oder Entzündungen begünstigen.
Regelmäßige Kontrolle, schonende Reinigung und bei Bedarf professionelle Ohrreinigung beim HNO-Arzt oder Hörakustiker gehören deshalb zur langfristigen Versorgung dazu.
Passformprobleme sind keine Nebensache. Sie entscheiden maßgeblich darüber, ob ein Hörgerät im Alltag akzeptiert wird.
Die gute Nachricht: Mechanische Ursachen sind in vielen Fällen lösbar. Dazu gehören nicht nur Sitz und Material, sondern auch konsequente Reinigung und eine freie Belüftungsbohrung.
Im nächsten Teil der Serie widmen wir uns einem weiteren häufigen Frustfaktor: Rückkopplungen – wenn das Hörgerät pfeift.
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