Vom Schall zur Wahrnehmung – wie Hörgerätetechnik Hören formt - Hörgeräte-News
Hörgerätetechnik

Vom Schall zur Wahrnehmung – wie Hörgerätetechnik Hören formt

Zwischen dem akustischen Signal, das am Mikrofon eines Hörgeräts ankommt, und dem Klang, den wir letztlich wahrnehmen, liegt ein komplexer technischer Weg. Moderne Hörsysteme analysieren, verändern und strukturieren Schall in Echtzeit – mit dem Ziel, Sprachverständlichkeit zu verbessern, Hörkomfort zu erhöhen und das Hören natürlicher zu gestalten.

Begriffe wie Kompression, Latenz oder Zeitkonstanten beschreiben dabei keine theoretischen Randaspekte, sondern zentrale Stellschrauben der Signalverarbeitung. Sie entscheiden darüber, wie schnell ein Hörgerät reagiert, wie dynamisch es sich an wechselnde Hörsituationen anpasst und wie stimmig das Zusammenspiel zwischen Technik, Gehirn und subjektivem Hörempfinden ist.

Dieser Beitrag richtet sich an Leserinnen und Leser, die genauer verstehen möchten, wie diese Mechanismen der Hörgerätetechnik funktionieren – und warum sie im Alltag eine so große Rolle spielen. Ziel ist es, komplexe Zusammenhänge nachvollziehbar einzuordnen, ohne sie unnötig zu vereinfachen.

Situationsautomatik

Die Situationsautomatik beschreibt die Fähigkeit moderner Hörgeräte, unterschiedliche Hörumgebungen selbstständig zu erkennen und die Signalverarbeitung entsprechend anzupassen – ohne manuelles Eingreifen der Trägerin oder des Trägers.

So funktioniert es einfach erklärt:

Hörgeräte analysieren kontinuierlich das akustische Umfeld. Dabei werden unter anderem folgende Merkmale ausgewertet:

  • Lautstärke und Dynamik des Schalls
  • Verhältnis von Sprache zu Störgeräuschen
  • Richtung und Bewegung von Schallquellen
  • Gleichförmige Geräusche versus wechselnde Signale

Auf Basis dieser Analyse ordnet das Hörgerät die aktuelle Situation bestimmten Hörszenarien zu, zum Beispiel:

  • Ruhige Umgebung
  • Gespräch in kleiner Runde
  • Gespräch im Störlärm
  • Musik
  • Auto
  • hallige Räume
  • u.v.a.

Je nach erkannter Situation werden automatisch Parameter wie Verstärkung, Kompression, Richtwirkung der Mikrofone oder Störlärmreduktion angepasst.

Warum das wichtig ist:

  • Unterschiedliche Hörsituationen stellen sehr unterschiedliche Anforderungen an die Signalverarbeitung.
  • Einstellungen, die in Ruhe angenehm sind, können im Lärm Sprachverständlichkeit verschlechtern – und umgekehrt.
  • Die Situationsautomatik soll einen möglichst guten Kompromiss bieten, ohne dass ständig Programme gewechselt werden müssen.

Wann die Grenzen der Automatik spürbar werden:

  • In Übergangssituationen, wenn sich die Umgebung schnell verändert (z. B. Wechsel von Ruhe zu Lärm).
  • In komplexen Szenarien mit mehreren gleichzeitigen Schallquellen, etwa bei Gruppengesprächen.
  • Wenn die individuelle Hörwahrnehmung von der „typischen“ Einordnung der Situation abweicht.

Die Situationsautomatik ist damit kein starres System, sondern ein kontinuierlicher Regelprozess – und ein zentrales Element dafür, wie natürlich, stabil und nachvollziehbar ein Hörgerät im Alltag klingt.

Störlärmreduktion

Störlärmreduktion beschreibt Verfahren, mit denen Hörgeräte versuchen, unerwünschte Geräusche abzuschwächen, ohne dabei Sprachinformationen zu zerstören.

So funktioniert es einfach erklärt:

Das Hörgerät analysiert den Schall kontinuierlich und unterscheidet zwischen unterschiedlichen Signalarten:

  • gleichförmige, konstante Geräusche (z. B. Lüfter, Motoren, Straßenrauschen)
  • wechselnde, modulierte Signale (z. B. Sprache)

Geräusche, die über eine gewisse Zeit ähnliche Eigenschaften zeigen, werden als Störlärm eingestuft und gezielt reduziert. Sprache bleibt möglichst unbeeinflusst oder wird sogar hervorgehoben.

Warum das wichtig ist:

  • Dauerhafte Hintergrundgeräusche erhöhen die Höranstrengung erheblich.
  • Auch wenn Sprache technisch hörbar ist, kann sie subjektiv „untergehen“.
  • Eine gut abgestimmte Störlärmreduktion verbessert Hörkomfort und Konzentrationsfähigkeit.

Wo die Grenzen liegen:

  • Sprache und Störlärm lassen sich nicht immer eindeutig trennen.
  • Zu aggressive Reduktion kann Sprache unnatürlich oder abgehackt wirken lassen.
  • In dynamischen Situationen kann sich der Charakter eines Geräusches ändern, was Fehlklassifikationen begünstigt.

Störlärmreduktion ist daher immer ein Balanceakt zwischen Entlastung und Klangtreue – und eng mit Kompression, Zeitkonstanten und Situationsautomatik verknüpft.

Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz bezeichnet in Hörgeräten Verfahren, bei denen das System nicht nur regelbasiert arbeitet, sondern aus großen Datenmengen typische Muster lernt und diese zur Steuerung der Signalverarbeitung nutzt.

So funktioniert es einfach erklärt:

KI-basierte Hörgeräte werden mit sehr vielen realen Hörsituationen trainiert. Das System lernt dabei, typische akustische Muster zu erkennen, etwa Sprache im Störlärm, Musik, Verkehrsgeräusche oder komplexe Mischsituationen.

Im laufenden Betrieb vergleicht das Hörgerät die aktuelle Hörumgebung mit diesen erlernten Mustern und wählt darauf basierend passende Verarbeitungsstrategien aus.

Im Unterschied zu klassischen Algorithmen:

  • Regelbasierte Systeme folgen festen, vorab definierten Entscheidungswegen.
  • KI-basierte Systeme erkennen Zusammenhänge statistisch und situationsübergreifend.

Warum das wichtig ist:

  • Reale Hörsituationen sind oft komplexer als klar definierte Szenarien.
  • Übergänge zwischen Situationen lassen sich fließender gestalten.
  • Sprachsignale können auch in sehr unruhigen Umgebungen gezielter hervorgehoben werden.

Wo die Einordnung wichtig bleibt:

  • KI ersetzt keine grundlegenden akustischen Prinzipien wie Kompression oder Zeitkonstanten.
  • Die KI entscheidet nicht „intelligent“ im menschlichen Sinn, sondern auf Basis von Wahrscheinlichkeiten.
  • Fehlklassifikationen sind möglich, insbesondere bei ungewöhnlichen oder sehr individuellen Hörsituationen.

Was KI nicht leistet:

  • Sie passt keine Hörgeräte selbstständig an individuelle Hörverluste an.
  • Sie ersetzt nicht die fachliche Anpassung durch die Hörakustikerin oder den Hörakustiker.
  • Sie kann subjektive Klangpräferenzen nur begrenzt vorhersagen.

Künstliche Intelligenz ist damit kein eigenständiges Feature, sondern eine übergeordnete Steuerungsebene. Ihr Nutzen zeigt sich vor allem darin, wie unauffällig, stabil und nachvollziehbar sie bestehende Signalverarbeitungsprozesse miteinander verbindet.

Binaurale Signalverarbeitung

Binaurale Signalverarbeitung bedeutet, dass linkes und rechtes Hörgerät nicht unabhängig voneinander arbeiten, sondern Informationen austauschen und gemeinsam Entscheidungen treffen.

So funktioniert es einfach erklärt:

Beide Hörgeräte analysieren ihre jeweilige Umgebung und teilen diese Informationen miteinander. Dadurch entsteht ein gemeinsames „akustisches Bild“ der Hörsituation.

Das ermöglicht unter anderem:

  • abgestimmte Richtmikrofone auf beiden Seiten
  • synchrones Umschalten von Situationen
  • einheitliche Anpassung von Lautstärke und Dynamik

Warum das wichtig ist:

  • Natürliches Hören ist grundsätzlich beidohrig.
  • Das Gehirn nutzt Pegel- und Laufzeitunterschiede zwischen beiden Ohren zur Orientierung.
  • Unabhängig arbeitende Hörgeräte können dieses Zusammenspiel stören.

Welche Effekte hörbar werden:

  • stabileres Raumgefühl
  • bessere Ortung von Schallquellen
  • ruhigere, konsistentere Klangwahrnehmung

Wo es anspruchsvoll wird:

  • Die Datenübertragung muss extrem schnell und stabil erfolgen.
  • Verzögerungen oder Asynchronität können das räumliche Hören beeinträchtigen.
  • Binaurale Strategien erhöhen die Komplexität der gesamten Signalverarbeitung.

Binaurale Signalverarbeitung ist damit ein Schlüssel dafür, dass moderne Hörgeräte nicht nur lauter machen, sondern räumlich und zusammenhängend klingen.

Windgeräuschunterdrückung

Windgeräusche entstehen, wenn Luftströmungen direkt auf die Mikrofone des Hörgeräts treffen. Sie erzeugen unregelmäßige, breitbandige Störsignale, die nichts mit der eigentlichen Hörumgebung zu tun haben.

So funktioniert es einfach erklärt:

Wind erzeugt an den Mikrofonöffnungen zufällige Druckschwankungen. Diese unterscheiden sich deutlich von Sprache oder Umgebungsgeräuschen, da sie:

  • sehr unregelmäßig sind
  • kaum räumliche Struktur besitzen
  • häufig hohe Pegel erreichen

Moderne Hörgeräte erkennen diese Muster und greifen gezielt ein.

Typische Strategien sind:

  • Vergleich der Signale mehrerer Mikrofone, um windtypische Abweichungen zu identifizieren
  • kurzzeitige Reduktion der Mikrofonempfindlichkeit
  • gezielte Absenkung betroffener Frequenzbereiche

Warum das wichtig ist:

  • Windgeräusche können Sprache vollständig überdecken.
  • Sie werden als besonders unangenehm und anstrengend empfunden.
  • Schon leichter Wind beim Gehen oder Radfahren kann den Hörkomfort stark beeinträchtigen.

Wo die Herausforderung liegt:

  • Wind tritt oft plötzlich und wechselhaft auf.
  • Eine zu starke Unterdrückung kann Umgebungsgeräusche oder Sprache mit dämpfen.
  • Die Übergänge müssen sehr schnell erfolgen, ohne hörbare Artefakte zu erzeugen.

Wie sich Windgeräuschunterdrückung in das Gesamtsystem einfügt:

  • Sie arbeitet eng mit Richtmikrofonen und Störlärmreduktion zusammen.
  • Zeitkonstanten bestimmen, wie schnell und wie sanft eingegriffen wird.
  • Situationsautomatik entscheidet, wann die Funktion aktiv wird.

Eine gut abgestimmte Windgeräuschunterdrückung trägt wesentlich dazu bei, dass Hörgeräte auch im Freien nutzbar bleiben – und zeigt, wie fein abgestimmt moderne Signalverarbeitung auf reale Alltagssituationen reagiert.

Wenn Sie mehr darüber wissen wollen: Windgeräusche und Hörgeräte

Impulsschallunterdrückung

Impulsschall bezeichnet kurze, plötzliche und meist sehr laute Geräusche, die sich deutlich von kontinuierlichem Schall unterscheiden. Typische Beispiele sind klapperndes Geschirr, das Zuschlagen einer Tür oder das Aufsetzen von Besteck.

So funktioniert es einfach erklärt:

Impulsschall zeichnet sich durch einen sehr schnellen Pegelanstieg und eine kurze Dauer aus. Moderne Hörgeräte erkennen diese Eigenschaften und behandeln solche Signale gezielt anders als Sprache oder Dauerschall.

Typische Strategien sind:

  • extrem schnelle Pegelerkennung mit sehr kurzen Zeitkonstanten
  • kurzzeitige Begrenzung oder Absenkung der Verstärkung
  • gezielte Bearbeitung einzelner Frequenzbereiche, in denen Impulse besonders auffällig sind

Warum das wichtig ist:

  • Impulsgeräusche werden als besonders erschreckend oder unangenehm empfunden.
  • Sie können selbst bei korrekt eingestellter Gesamtlautstärke störend sein.
  • Wiederholte Impulse erhöhen die Höranstrengung und führen zu schneller Ermüdung.

Wo die technische Herausforderung liegt:

  • Sprache enthält ebenfalls schnelle Pegeländerungen, etwa bei Konsonanten.
  • Eine zu aggressive Unterdrückung kann Sprachlaute abschwächen oder verfälschen.
  • Die Unterscheidung zwischen „nützlich“ und „störend“ muss sehr präzise erfolgen.

Wie sich Impulsschallunterdrückung ins Gesamtsystem einfügt:

  • Sie ergänzt die Kompression bei extrem schnellen Pegelspitzen.
  • Zeitkonstanten bestimmen, wie schnell das System reagiert und wieder freigibt.
  • Situationsautomatik und KI helfen, typische Impulsquellen besser einzuordnen.

Eine gut abgestimmte Impulsschallunterdrückung erhöht den Hörkomfort deutlich, ohne die Sprachverständlichkeit zu beeinträchtigen. Sie zeigt exemplarisch, wie fein moderne Hörgeräte auf kurzfristige, reale Alltagssignale reagieren müssen.

Frequenzkanäle

Die Frequenzauflösung beschreibt, in wie viele einzelne Frequenzbereiche ein Hörgerät den Schall aufteilt, um ihn getrennt zu verarbeiten.

So funktioniert es einfach erklärt:

Der eingehende Schall wird in mehrere schmale Frequenzbänder zerlegt. Für jedes dieser Bänder können Verstärkung, Kompression und weitere Parameter individuell geregelt werden.

  • Wenige Kanäle → grobe Anpassung
  • Viele Kanäle → feinere Differenzierung

Warum das wichtig ist:

  • Sprache besteht aus vielen feinen spektralen Details.
  • Hörverluste sind oft frequenzabhängig.
  • Eine differenzierte Anpassung kann Sprachlaute klarer abbilden.

Die Kanalstruktur ist somit ein Werkzeug – kein Qualitätsmerkmal an sich. Erst im Zusammenspiel mit Kompression, Zeitkonstanten und Störlärmreduktion entfaltet sie ihren Nutzen.

Wenn Sie mehr darüber wissen wollen: Frequenzkanäle bei Hörgeräten

Richtmikrofone

Richtmikrofone bestimmen, aus welcher Richtung ein Hörgerät bevorzugt Schall aufnimmt – und welche Geräusche abgeschwächt werden.

So funktioniert es einfach erklärt:

Moderne Hörgeräte besitzen mehrere Mikrofone. Durch den Vergleich der Signale kann das Hörgerät erkennen, aus welcher Richtung ein Schall kommt.

  • Schall von vorne wird bevorzugt verarbeitet.
  • Schall von der Seite oder von hinten kann abgeschwächt werden.

Je nach Situation verändert sich diese Richtwirkung automatisch:

  • In ruhiger Umgebung oft kaum oder gar nicht.
  • In geräuschvollen Situationen zunehmend stärker.

Warum das wichtig ist:

  • Sprache kommt im Alltag häufig von vorne.
  • Störgeräusche stammen oft aus dem Umfeld.
  • Eine gezielte Richtwirkung kann das Sprachverstehen deutlich verbessern, ohne die Gesamtlautstärke zu erhöhen.

Wo es kritisch werden kann:

  • Zu starke Richtwirkung kann das Raumgefühl einschränken.
  • Bewegliche Gesprächspartner können „verloren gehen“, wenn die Richtcharakteristik zu träge reagiert.
  • Das Zusammenspiel mit Situationsautomatik und Zeitkonstanten ist entscheidend für einen natürlichen Höreindruck.

Richtmikrofone sind damit kein reines Verstärkungswerkzeug, sondern ein zentrales Element der räumlichen Wahrnehmung – und ein gutes Beispiel dafür, wie Technik aktiv in das subjektive Hören eingreift.

Wenn Sie mehr darüber wissen wollen: Richtmikrofone

Kompression

Kompression in Hörgeräten bedeutet, dass laute Töne leiser und leise Töne lauter gemacht werden – damit alles in einen für den Träger angenehmen und verständlichen Lautstärkebereich passt.

So funktioniert es einfach erklärt:

  • Ein Hörgerät misst ständig die Lautstärke der Umgebung.
  • Kommt ein sehr leiser Ton, wird er verstärkt, damit er überhaupt hörbar ist.
  • Kommt ein sehr lauter Ton, wird er nur wenig oder gar nicht verstärkt – manchmal sogar etwas abgesenkt, um das Gehör zu schützen.
  • Das Ganze passiert nicht „einmal für alles“, sondern getrennt für verschiedene Tonhöhen (Frequenzbereiche), weil unser Hörverlust oft nicht gleichmäßig ist.

Warum das wichtig ist:
Menschen mit Hörverlust haben oft ein kleineres sogenanntes dynamisches Hörfeld:

  • Sie hören leise Geräusche nicht mehr gut.
  • Aber sehr laute Geräusche empfinden sie trotzdem als unangenehm laut.

Ohne Kompression würden leise Geräusche untergehen und laute Geräusche unangenehm werden. Die Kompression sorgt also dafür, dass:

  • Sprache in verschiedenen Situationen besser verständlich ist
  • Plötzliche laute Geräusche nicht stören
  • Das Hören insgesamt natürlicher und angenehmer wirkt

Je nach Hörgerät, Hörverlust und Hörbedarf gibt es unterschiedliche Kompressionsarten, die in der Einstellung der Hörgeräte von Ihrem Hörakustiker eingestellt werden können.

Wenn Sie mehr darüber wissen wollen: Kompression in Hörgeräten

Latenz

Latenz bedeutet beim Hören mit Hörgeräten, dass der verarbeitete Schall aus dem Hörgerät leicht zeitversetzt am Ohr ankommt – und sich mit dem direkten Schall aus der Umgebung überlagert.

So funktioniert es einfach erklärt:

  • Bei einer offenen Versorgung (z. B. Dome mit Belüftungsöffnung) gelangt der Schall auf zwei Wegen ins Ohr:
    1. Direkt durch die Öffnung – ohne Verzögerung.
    2. Über das Hörgerät – dort wird der Schall digital verarbeitet und kommt dadurch ein paar Millisekunden später an.
  • Digitale Hörgeräte brauchen für die Verarbeitung (Verstärkung, Rauschunterdrückung, Richtmikrofone usw.) typischerweise <10 ms Zeit.

Warum das wichtig ist:

  • Direkter und verzögerter Schall treffen gleichzeitig im Ohr aufeinander.
  • Dadurch können sich bestimmte Frequenzen verstärken oder abschwächen (sogenannter Kammfiltereffekt).
  • Manche Träger empfinden das als hallend, dumpf oder „wie doppelt“ hören – besonders bei der eigenen Stimme.

Wann es stärker auffällt:

  • Bei sehr offenen Ankopplungen, weil hier besonders viel Direktschall ins Ohr gelangt.
  • Bei tieferen Tönen und der eigenen Stimme, da diese auch über Knochenleitung ans Ohr kommen.

Was dagegen hilft:

  • Hörgeräte mit besonders schneller Signalverarbeitung verwenden.
  • Die Öffnung (Ventgröße) anpassen, damit weniger Direktschall ins Ohr gelangt.
  • Feineinstellungen in der Anpasssoftware vornehmen, um Störungen im Klangbild zu reduzieren.
  • In manchen Fällen hilft auch Gewöhnung – das Gehirn lernt, den leichten Versatz auszublenden.

Zeitkonstanten

Zeitkonstanten beschreiben in der Hörgerätetechnik, wie schnell das Gerät auf Änderungen der Lautstärke reagiert – also wie rasch es die Verstärkung hoch- oder runterregelt.

So funktioniert es einfach erklärt:

  • Hörgeräte passen die Verstärkung automatisch an, um leise Töne hörbar und laute Töne angenehm zu machen.
  • Die Zeitkonstanten bestimmen, wie schnell diese Anpassung passiert.
  • Es gibt zwei Hauptwerte:
    1. Einschwingzeit (Attack Time) – wie schnell das Hörgerät auf plötzlich laute Geräusche reagiert und die Verstärkung reduziert.
    2. Rückkehrzeit (Release Time) – wie schnell die Verstärkung wieder ansteigt, wenn es wieder leiser wird.

Warum das wichtig ist:

  • Eine zu kurze Einschwingzeit kann plötzliche Geräusche gut abdämpfen, aber Sprache kann dabei kurzzeitig mitgedämpft werden.
  • Eine zu lange Einschwingzeit lässt laute Geräusche unangenehm wirken.
  • Eine zu kurze Rückkehrzeit kann Hintergrundgeräusche ständig „pumpend“ wirken lassen.
  • Eine zu lange Rückkehrzeit kann dazu führen, dass leise Sprachanteile nach einem lauten Geräusch untergehen.

Wann es stärker auffällt:

  • In Umgebungen mit wechselnden Lautstärken, zum Beispiel bei Gesprächen in belebten Restaurants.
  • Bei Musik, wo zu schnelle Regelungen den Klang verfälschen können.

Was dagegen hilft:

  • Moderne Hörgeräte arbeiten oft mit adaptiven Zeitkonstanten, die sich je nach Situation automatisch anpassen.
  • Die Feineinstellung in der Anpasssoftware mancher Hersteller erlaubt es, Zeitkonstanten auf den Höralltag des Trägers abzustimmen.

Gewöhnung und die Rolle des Gehirns

Technische Signalverarbeitung endet nicht am Trommelfell. Das Gehirn ist ein aktiver Bestandteil des Hörsystems und muss sich an neue Höreindrücke anpassen.

So funktioniert es vereinfacht betrachtet:

Über längere Zeit nicht gehörte Schallanteile werden durch Hörgeräte wieder verfügbar. Das Gehirn muss lernen, diese Informationen neu einzuordnen und zu bewerten.

Typische Effekte in der Anfangsphase:

  • Geräusche wirken ungewohnt laut oder präsent.
  • Eigene Stimme klingt fremd.
  • Alltagsgeräusche rücken stärker in den Vordergrund.

Warum das wichtig ist:

  • Technisch korrekt eingestellte Hörgeräte können sich anfangs dennoch „falsch“ anfühlen.
  • Gewöhnung ist ein neuroplastischer Prozess, kein rein psychologischer Effekt.
  • Zeitkonstanten, Kompression und Automatik beeinflussen, wie gut diese Anpassung gelingt.

Was das für die Bewertung von Technik bedeutet:

  • Kurzzeiteindrücke sind nur bedingt aussagekräftig.
  • Stabilität und Vorhersagbarkeit unterstützen die Gewöhnung.
  • Gute Signalverarbeitung ist immer auch gehirngerecht gestaltet.

Erst im Zusammenspiel aus Technik, Anpassung und neuroplastischer Verarbeitung entsteht ein natürliches, langfristig belastbares Hören.

Fazit

Moderne Hörgeräte sind hochkomplexe, dynamische Systeme. Was auf den ersten Blick wie eine einfache Verstärkung wirkt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis vieler ineinandergreifender Regelprozesse, die Schall analysieren, strukturieren und situationsabhängig verändern.

Kompression, Zeitkonstanten und Latenz bestimmen, wie schnell und wie kontrolliert ein Hörgerät auf Veränderungen reagiert. Situationsautomatik, Richtmikrofone und Störlärmreduktion steuern, welche Informationen in den Vordergrund rücken und welche bewusst zurückgenommen werden. Binaurale Signalverarbeitung und Frequenzauflösung sorgen dafür, dass Hören nicht nur verständlich, sondern räumlich und differenziert bleibt. Künstliche Intelligenz ergänzt diese Mechanismen, indem sie komplexe Zusammenhänge stabiler und fließender miteinander verknüpft.

Entscheidend ist dabei: Keine dieser Technologien wirkt für sich allein. Erst das abgestimmte Zusammenspiel – ergänzt durch eine fachlich saubere Anpassung und die Gewöhnung des Gehirns – bestimmt, wie natürlich, belastbar und alltagstauglich ein Hörgerät tatsächlich klingt.

Ein gutes Hörgerät ist daher nicht das mit den meisten Funktionen, sondern das, dessen Signalverarbeitung zum individuellen Hörbedarf, zum Alltag und zur Wahrnehmung passt. Technik schafft die Grundlage – gutes Hören entsteht im Zusammenspiel aus System, Anpassung und Mensch.

Avatar von Andrea Fox

Autoreninfo

Noch mehr interessante Artikel entdecken